Alles auf Anfang

Nach dem Bestehen der Prüfung brauchte ich also ein Motorrad welches den 2019 neu festgelegten Regularien des A2-Führerscheins entsprach. Bis 2018 war es in Deutschland gang und gäbe für den A2 -Schein irgend ein X-Beliebiges Motorrad zu nehmen und es auf 48PS zu drosseln. Dies widersprach leider den Bestimmungen  der EU, weshalb seit 2019 nur noch Motorräder  mit 96PS oder weniger für den A2-Schein gedrosselt werden dürfen.                                        Da ich schon damals die Meinung vertrat, dass eine Drossel im Motorrad an Tierquälerei grenzt, suchte ich nach einem Motorrad mit maximal 48 PS. 

Meine Wahl fiel auf eine Suzuki GS 500 F. Solide 45 PS aus zwei Zylindern und mit nicht ganz 20.000 km Laufleistung gerade mal eingefahren. Die kleine Japanerin wurde 2004 gebaut und hatte folglich kein ABS. (Nicht, dass die 125er eins gehabt hätte). Mit dem neuen Gerät bewaffnet,  machte ich von nun an regelmäßig  die Straßen unsicher. Wie mir bald auffiel, wortwörtlich.

 

Die GS hatte nicht nur den vierfachen Hubraum und rund die dreieinhalbfache Leistung, sondern wog  auch fast das Doppelte der Hyosung.                                       Ich begann mich mehr mit dem Thema Motorradfahren auseinanderzusetzen.                                                        Hierfür ist das Buch "Die obere Hälfte des Motorrades" von Bernd Spiegel sehr empfehlenswert, da dort mit Hilfe von einfachen Übungen und Beispielen viele wichtige Inhalte vermittelt werden. Zum Saisonende 2019 war ich dann der Meinung, dass ich wieder das Motorrad kontrollieren würde und nicht umgekehrt.                                                                              

Zitat: " You know nothing ,Jon Snow." 

Saison 2020

Die Saison 2020 begann nahezu genau dort, wo die Saison 2019 endete. Zumindest nachdem ich mich wieder an das Motorradfahren gewöhnt hatte. Es ist schon erschreckend, wie viel man in vier bis fünf Monaten vergessen kann.                     Ich begann mir meine eigene Hausstrecke zusammenzupuzzeln. Mit einer Hausstrecke ist eine Strecke gemeinte, welche man bei fast jeder Tour oder Runde fährt. Der große Vorteil einer Hausstrecke ist, dass man irgendwann weiß, welche Kurve als nächstes kommt; deshalb kann man sich auf andere Dinge als die Streckenführung konzentrieren.

Wenn ich meine Hausstrecke entlangfuhr, fing ich an, mich mit den unterschiedlichen Lenktechniken zu befassen. In der Fahrschule werden zwei Techniken zum Lenken eines Motorrades gelehrt. Die erste Technik wird Drücken genannt. Beim Drücken bleibt der Fahrer aufrecht und drückt nur das Motorrad in die gewünschte Fahrtrichtung. Dies hilft vor allem bei Langsamen und, oder engen Kurven. Die zweite Technik wird Legen genannt, weil sich der Fahrer mit dem Motorrad in die Kurve legt.     

Nachdem ich verstanden hatte, welche der beiden Techniken wann und wie einzusetzen sind, folgte die Blicktechnik. Irgendwer hat mal behauptet: "Guckst du schieße, fährst du schieße." Der Dichter möchte damit veranschaulichen, dass das Fahrzeug immer dem Blick folgt. Wenn man während der Fahrt durch eine Kurve also auf die Leitplanke schaut statt mit dem Blick dem verlauf der Kurve zu folgen, wird man zu neunzig Prozent auch in der Leitplanke enden.

Zugebenermaßen ist die Blicktechnik einer der Punkte, an denen ich bis heute arbeite, denn je schneller man fährt, desto weiter sollte man den Blick in Richtung Horizont verschieben. Dies sollte man aus zwei gründen machen. 1.Man erkennt Hindernisse und ähnliches früher und kann entsprechend reagieren. 2. alles was sich direkt vor dem Vorderrad abspielt kann man sowieso nicht mehr beeinflussen. Warum also seine Aufmerksamkeit darauf verschwenden? Mittlerweile  sind mir noch ein oder zwei weitere Punkte zu dem Thema aufgefallen. Dazu vielleicht später mehr. 

Nachdem ich mit mir und meiner Blicktechnik zufrieden war, widmete ich mich dem Schalten und hatte dabei eine Erkenntnis: ich schalte deutlich zu früh hoch!                                                                                                                                               Eigentlich ist das recht logisch. Der Begrenzer der GS500, liegt laut Drehzahlmesser irgendwo kurz vor 11.000 U/min. Betrachtet man die Drehmomentkurve des Motors, fällt auf, dass der tatsächlich nutzbare Bereich erst bei etwa 6000 U/min beginnt. Wenn man, so wie ich, schon bei 6500 U/min in den nächsthöheren Gang schaltet, wird nie die maximal verfügbare Leistung bzw. das maximale Drehmoment abgerufen. Die GS konnte also nie richtig beschleunigen.                                          Zu meiner Verteidigung möchte ich anmerken, dass die Hyosung nie Drehzahlmesser besaß (ich schaltet also von Beginn an nach Gehör) und aufgrund der Massiven Untermotorisierung wurde sie sowieso meist nur mit Volllast bewegt. Der Teillastbereich wurde meist nur innerorts genutzt.                                                                                                                                     Also musste ich mich Umgewöhnen. Die maximale Leistung soll bei 9500 U/min anliegen, also lieber bei 10.500 U/min schalten als bei 9000 U/min, zumindest wenn eine starke Beschleunigung gewünscht ist. Erstaunlich hilfreich im Prozess des Umlernens war ein Training mit der Suzuki DR650 mit Supermoto-Radsatz auf dem Saxsoniaring.       

 

Später im selben Jahr konnte ich mir mit der finanziellen Unterstützung von Mama einen Einteiler aus dem Hause Berik zulegen, der inklusive Knieschleifer ausgeliefert wird.  Wer sich noch daran erinnern kann wie fragil das Ego mit 20 manchmal ist, der kann sich vielleicht vorstellen, warum die Knieschleifer nicht jungfräulich bleiben durften. 

Ich begann also mich mit dem Thema Knieschleifen zu befassen und arbeitete prompt erst einmal in die falsche Richtung. Dass ich mir mal wieder selbst ein Bein stellten sollte, merkte ich erst in der Saison 2021, doch ich greife vor. 

    

 

Oben: Leistungsdiagramm der Suzuki GS500. Unten: Training mit der DR650 auf der Kartbahn.

Zwischen den Jahren

Die Saison 2020 war vorbei und die Saison 2021 hatte noch nicht begonnen. Um am Ball zu bleiben, versuchte ich, mich zumindest theoretisch weiterhin mit dem Thema Knieschleifen zu befassen. Infolgedessen traf ich auf den YouTube-Kanal von Matthias Meindl, welcher später noch einen enormen Wert für mich darstellen sollte. 

Des Weiteren befasste ich mich mit dem Thema Lenker an der GS500F. Die GS500 wurde bis 2000 mit Stummellenkern ausgeliefert und ab 2001 mit Superbikelenker beziehungsweise mit einem gewöhnlichen Rohrlenker. Ab 2004 gab es dann das Modell mit der Kennung F am Ende der Modellbezeichnung. Besonderheiten: Vollverkleidung und ein Ölkühler. Da zumindest ich der Meinung war, das an ein Motorrad mit Verkleidung auch einen Stummellenker gehört, suchte ich nach einer Möglichkeit, dies zu ändern  . Glücklicherweise konnte man durch austauschen der oberen Gabelbrücke die Stummel  der alten GS an der neuen anbringen, ohne andere Bowdenzüge oder Bremsleitungen zu benötigen.         

Der Kniff mit dem Knie

Dank der Videos des Herrn Meindl begriff ich, dass ich bisher den falschen Ansatz verfolgte. Das Knieschleifen ist zwar ganz lustig aber eigentlich nur ein Nebenprodukt einer bestimmten Fahrtechnik, dem so genannten "Hanging Off" (kürzer: Hang Off). Selbige stammt aus dem Rennsport und wird dazu verwendet um die Schräglage des Motorrades in der Kurve zu reduzieren und folgt einer einfachen Überlegung: Je geringer die Schräglage des Motorrades in der Kurve desto größer ist die Kontaktfläche der Reifen mit der Fahrbahn, mit einer größeren Kontaktfläche kann dem zufolge eine höhere Geschwindigkeit erzielt werden. 

Beim Hang Off versucht der Fahrer also durch die gezielte Verschiebung des Körpereigenen Schwerpunktes ins Kurveninnere weniger Schräglage am Motorrad zu erzielen. Unter anderem deshalb schleifen in der MotoGP mittlerweile neben Knien auch Ellenbogen und teilweise auch Schultern während der Fahrt über den Asphalt. 

 

Nachdem ich dies verstanden hatte, arbeitete ich einen "Trainingsplan" zum Thema Hang Off  aus.                                           Ich begann mit der Positionierung meiner Füße auf den Rasten. Die richtige Fußstellung erreicht man, indem man den Kurveninneren Fuß  auf den Ballen und den Kurvenäußeren Fuß mit dem Absatz an der Raste einhängen. Dies vereinfacht den Kontakt des äußeren Knies am Tank und hilft später beim Turnen, nicht vom Motorrad herunterzufallen. Das habe ich geübt, bis ich nicht mehr aktiv daran denken musste, meine Füße vor der Kurve entsprechend umzustellen. Um das Körpergewicht möglichst effektiv nach innen zu verlagern, ist es notwendig, sich von der Mitte der Sitzbank umzusetzen. Da das Umsetzen Unruhe im Fahrwerk verursacht, sollte es abgeschlossen sein, bevor man in die Kurve fährt. Das Umsetzen selbst ist eigentlich recht einfach: Man drückt sich  aus dem Sattel und rückt nach innen, bis man nur noch mit einer Gesäßhälfte  auf der Sitzbank sitzt. Es reicht völlig aus, wenn das Gesäß während des Umsetzens keinen Kontakt mehr zur Sitzbank hat. Sollte man sich weiter erheben, verschwendet man nur unnötig Kraft. Wenn es um das Umsetzen geht, wird oft die "Faustregel" gepredigt, die allerdings häufig missverstanden wird. Für das Umsetzten ist es notwendig, dass etwa eine Faust zwischen dem Tank und dem Schritt des Fahrers Platz ist. Andernfalls rutscht man nur um den Tank herum. Die daraus resultierende Körperhaltung sieht dann etwas seltsam aus und blockiert die eigene Bewegungsfreiheit im Oberkörper. Mein Missverständnis dieser Regel werde ich später erläutern.                                                                             Sobald auch das Umsetzen automatisiert ist, bleibt nur noch, das innere Knie vom Tank abzuspreizen. Wenn wenig Schräglage gefahren wird, ist das Knie bis zu neunzig Grad vom Motorrad abgewinkelt . Auf Fotos oder beim Hinterherfahren sollte dabei  zwischen Oberschenkel, Unterschenkel und Motorrad ein Winkel sichtbar werden, durch welchen man hindurchschauen kann. Die korrekte reinfolge für das Hang off ist wie folgt: Umsetzen, Füße Umpositionieren, Bremsen( falls nötig) und einlenken.   

Wenn das dann alles richtig durchgeführt wird und sowohl die Kurvengeschwindigkeit als auch die Schräglage stimmen sollte das Knie schleifen.                                                                                                                                                                   Eigentlich ganz einfach, oder?

   

Saison 2021

Ganz so einfach, wie gedacht, ist es anscheinend doch nicht.                                                                                                                 Da der Mensch mehrere Tausend Wiederholungen benötigt, um einen Bewegungsablauf zu automatisieren, dauerte es entsprechend bis ich auch nur in die Nähe eines schleifenden Knies kam.                                                                                             Ein Highlight der Saison 2021 war die jährliche Reise nach Hořice (Tschechien) zum Lauf der IRRC im Rahmen der Czech TT.     Irgendwann um 2017 herum hatte sich etabliert, dass mein Papa, ein paar Bekannte und ich einmal im Jahr zu dieser Roadracing-Veranstaltung reisten. Die Anreise erfolgte immer mit dem eigenen Motorrad, außer in meinem Fall.                        - 2017 war die Gruppe zu groß, um vernünftig voranzukommen und gleichzeitig noch auf einen Fahranfänger mit seiner 125er Rücksicht zu nehmen.                                                                                                                                                                             - 2018  hatte ich die Hyosung gerade erfolgreich  in eine Leitplanke gesteckt. Und weder ich noch das Motorrad waren  zum entsprechenden  Zeitpunkt bereits wieder fahrbereit.                                                                                                                                  - 2019 war der A2-Führerschein  gerade noch zu neu. ( Beim Bestehen der Prüfung bekommt man nur noch einen vorläufigen Führerschein, welcher nur innerhalb der deutschen Grenzen gültig ist, der eigentliche Führerschein muss erst noch gedruckt werden. Und da die Bundesdruckerei auch eine Behörde ist, dauert das.)                                                                   - 2020 war Corona.                                                                                                                                                                                             - 2021 konnte ich also zum ersten Mal mit dem eigenen Motorrad nach Hořice fahren.   Das Besondere an Hořice ist, dass für die Czech Tourist Trophy (kurz TT)  eine Landstraße gesperrt wird auf der dann die Rennen gefahren werden.       Wie bei der Isle of Man TT, nur ist die Strecke in Hořice kürzer. Bei der Anreise fährt man also immer ein Stück über die Rennstrecke und kann auch die komplette Strecke mal mit dem eigenen Fahrzeug unter die Räder nehmen.                                                                        

Kurz vor Saisonende war es dann so weit, dass ich mit fester Stimme behaupten konnte, in bestimmten Linkskurven auf meiner Hausstrecke mit dem Knie schleifen zu können. In den Rechtskurven tat ich mich schwerer, zumal sich auf dieser Seite auch ein Fehler in der Fußstellung eingeschlichen hatte.

 

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.